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Samstag, 21. Juni 2014

Interview mit Tanja Kinkel zu ihrem Hilfswerk "Brot und Bücher"


Ich habe mit Tanja Kinkel ein "Spezial-Interview) geführt - nicht zu ihren Büchern oder zu ihrer Arbeit als Autorin, sondern zu dem Hilfswerk, das sie mit ihrer Familie gegründet hat: "Brot und Bücher".

Wer mag, kann sich generell hier informieren: www.brotundbuecher.de; ich empfehle, mal einen Blick darauf zu werfen. Schon das Prinzip, dass dort Spendengelder zu 100 % am Ziel ankommen (und alle Verwaltungskosten aus eigener Tasche bezahlt werden), finde ich bemerkenswert.

Danke, Tanja, dass du dir Zeit genommen hast, die Interviewfragen zu beantworten. Welche Schlussfolgerung ich für mich darauf gezogen habe, darüber erzähle ich morgen etwas ... aber erst mal will ich nun Tanja Kinkel selbst zu Wort kommen lassen. 

Wie kam es dazu, dass du mit deiner Familie das Hilfswerk »Brot und Bücher« gegründet hast?

Wir waren einfach nicht mehr damit zufrieden, nur ein, zweimal im Jahr eine Spende zu geben, und wollten kontinuierlich helfen. Außerdem ist es nun einmal so, dass bei großen Organisationen automatisch die Verwaltungen viel Geld verbrauchen, und man nie weiß, wie viel von einer Spende überhaupt beim eigentlich gemeinten Empfänger ankommt. 

Also entschieden wir uns, selbst eine Organisation zu gründen, nur mit Menschen zusammen zu arbeiten, die wir persönlich kennen, und außerhalb des gemeinnützigen Vereins alle irgendwie gearteten Kosten privat zu tragen. Konkret wollten wir von Anfang an mit Schulen zusammen arbeiten – der Titel des Vereins bezieht sich darauf, dass die Kinder in der Dritten Welt, die uns zunächst als Wirkungsort vorschwebte, sowohl Nahrung als auch Bildung brauchen, um ihre Kindheit zu überleben und später als Erwachsene eine Chance zu haben. Durch die Unterstützung von Schulen bei dem Gehalt für Lehrer, für Lebensmittel, für den Umbau, ja den Neubau von Schulen konnten wir dazu beitragen.


Du reist viel, auch in die Gebiete, in denen »Brot und Bücher« aktiv hilft. Was bedeutet es dir persönlich, Menschen in Not zu begegnen? Verändern solche Erlebnisse das eigene Leben?

Es macht einem klar, wie ungeheuer privilegiert wir leben. Ich meine nicht nur finanziell. Für mich war es als Kind immer selbstverständlich, dass meine Eltern mich lieben und beschützen. 

Eines unserer neueren Projekte ist ein Heim für geistig und körperlich behinderte Kinder in Indien, auf die sonst eine kurze und meist lieblose Existenz wartet. Aber man muss gar nicht über die deutschen Grenzen hinausgehen – Brot und Bücher unterstützt schon seit langem das Erich-Kästner-Kinderdorf, das weniger als eine Stunde von meiner Heimatstadt Bamberg entfernt liegt, in dem Kinder, die körperlich und seelisch missbraucht worden sind, in  Familienstrukturen eine neue Heimat finden.


Was können wir hier in Deutschland, wo es uns (verhältnismäßig) gut geht, in unserem Alltag tun? Also über ein »Ich spende jetzt den Betrag X« hinaus? Ist die Frage nach dem Lebensstil etwas, das soziale Ungerechtigkeit ändern kann?

Vor allem nicht wegschauen oder weghören, wenn einem Armut oder Ungerechtigkeit begegnet, auch, wenn die Versuchung noch so groß ist. Jedes Mal, wenn wir Schlagzeilen von toten Kindern in der Zeitung finden, und jeden zweiten Tag wird nach der offiziellen Kriminalstatistik ein Kind unter sechs Jahren bei uns ermordet, 30.000 Kinder im Jahr missbraucht, fragen sich die Leute, wie es so weit kommen konnte, ohne daß jemand rechtzeitig eingriff.  Das Wegschauen,  in das wir alle, und ich nehme mich nicht aus, leicht verfallen können, bietet einen Teil der Antwort.   

Darüber hinaus kann es oft bereits einen Unterschied machen, sich schlicht und einfach Zeit zu nehmen für andere Menschen. Einer der schönsten Beiträge, die jemand geleistet hat, war kein finanzieller, sondern der Umstand, dass sich ein weltbekannter Sportler wie Dirk Nowitzki, dessen Mentor mein Vater kennt, die Zeit nimmt, wenigstens einmal im Jahr einen Tag mit den Kindern und Jugendlichen im Kästnerdorf zu verbringen. Nun nicht jeder ist täglich im Fernsehen, aber Aufmerksamkeit, Respekt, Anerkennung diesen jungen Menschen zu schenken, sie etwas aus ihrem Alltag heraus zu reißen, das kann eigentlich jeder.


Wo würdest du die Arbeit von »Brot und Bücher« gerne noch intensivieren? Gibt es gerade ein angedachtes Projekt, das dir besonders am Herzen liegt?

Wir fahren immer zweigleisig. Dritte Welt und Deutschland. In der Dritten Welt wollen wir gerade ein Mädchenhaus in einer Schule in Nordost Indien bauen. (Dort gibt es tatsächlich das Matriarchat und das ist einer der Gründe, warum wir uns in dieser Region bevorzugt entscheiden). Gelingt das, dann werden wir diese Schule etwas ausbauen, um so auch mehr Mädchen die Gelegenheit zur Bildung zu geben.

In Deutschland denken wir daran, auf dem vorhandenen Grund des Kinderdorfs Spalierobst pflanzen zu lassen. Die Jugendlichen brauchen immer auch etwas Anleitung zur Arbeit, und das Kinderdorf muss bei unvermeidbaren Kosten entlastet werden. Beides ist mit einer solchen Investition möglich.


Du siehst und erlebst viel an »Armut« und »Elend« in den Ländern, in denen »Brot und Bücher« aktiv ist, Schulen baut oder Kinder begleitet. Schwebt dir als Autorin der »große Roman« vor, der die Lage in einem Gebiet der sogenannten Dritten Welt schildert und ein authentisches Gefühl vermittelt? Oder ist das etwas, das dich als Autorin nicht reizt? Glaubst du, deutsche Leser würden das überhaupt lesen wollen?

Ich glaube, Romane von Autoren der betreffenden Länder zu lesen ist wertvoller als eine weitere Außenseiter-Perspektive aus Europa oder Amerika. Den Stimmen der Menschen dort zuzuhören.  Die beißende Satire „Herr der Krähen“ von Ngugi wa Thiong'o beispielsweise, einem kenianischen Autor, sagt über Korruption und das Leben unter einem Despoten so viel. Aravand Adigas Roman „Der weisse Tiger“   schildert das Indien von heute spannend, packend, und bringt das Heimatdorf des Erzählers (und so viele andere!) auf einen Nenner mit der Beschreibung "Strommasten - unbrauchbar, Wasserleitungen - kaputt und die Kinder - zu dünn und zu klein für ihr Alter, mit zu großen Köpfen, aus denen lebhafte Augen leuchten, so groß wie das schlechte Gewissen der indischen Regierung".


Im Zuge der Arbeit für das Hilfswerk lernst du natürlich viele Menschen kennen. Kannst du von einer Begegnung berichten, die dich besonders beeindruckte oder prägte?

In Tansania begegnete ich einem Massai namens Joe Ole Kwai, der noch als Assistent von Bernhard Grimczek in der Serengeti gearbeitet hatte, und gleichzeitig in zwei Kulturkreisen lebte – in seiner Boma hinter dem traditionellen Zaun aus Dornen, in einem Dorf nicht unweit der Stelle, wo man die ersten Fußabrücke aufrecht gehender Menschen fand, und wo man auch heute noch nicht allzu anders lebt, als es vor Jahrtausenden der Fall war, und andererseits als stellvertretender Direktor der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft, der gelegentlich auch mit kleinen Flugzeugen unterwegs war.  

Er hatte den Stein ins Rollen gebracht, um eine weitere Schule für seinen Stamm zu gründen, und bereits bei der Einweihungsfeier des Gebäudes waren bereits über 400 Schüler vorhanden, die in dem Rohbau unterrichtet wurden. Vom Staat kam keine Hilfe, aber die Massai waren selbst bereit, Ziegen oder Ochsen zu spenden, damit die Schule fertig gebaut und von noch mehr Kindern besucht werden konnte.  Joes strahlendes Gesicht und die Kinder, die sich manchmal zu fünft auf eine Schulbank für zwei Kinder quetschten, 100 in einer Klasse war normal, werden mir unvergessen bleiben. 

Aber Helden wie ihn gibt es immer wieder. Sie zu finden ist die eigentliche Anstrengung und Notwendigkeit, will man sich in Regionen engagieren, welche man selbst nie oder kaum erreicht. Frauen oder Männer, welche ihr letztes Hemd ausziehen würden, ehe sie von dem anvertrauten Geld etwas nehmen. Danach besteht die Aufgabe darin, ihnen das zu geben, was sie verdienen: Respekt, Anerkennung, Unterstützung und Freundschaft, was Lösung und Aufgabe zugleich für dieses Problem ist.

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